Culocracia

Faschismus 2.0

Posted in Krieg & Frieden, Propagandismus, Schnöder Mammon by Manul on 1. September 2009

Heute vor 70 Jahren begann mit dem Überfall auf Polen ein Kapitel der Geschichte, den heutzutage die meisten glauben verstanden zu haben. Doch haben wir das wirklich? Haben wir wirklich in den letzten 70 Jahren überhaupt verstanden was ein faschistisches System ausmacht und wie dieser zustande kommen konnte? 70 Jahre nach Kriegsanfang kann man eben leider nicht auf diese Fragen mit einem klarem ‚JA’ antworten und das erschwert nicht nur die Auseinandersetzung mit den Verhältnissen zu Zeiten des Nationalsozialismus, sondern verstellt uns gleichzeitig den Blick für die heutigen Zeiten, in denen manche Verhältnisse nach wie vor die selben sind und wir erneut auf eine Krise zusteuern, die nicht nur die demokratischen Strukturen weltweit auf eine harte Probe stellt, sondern auch die Lebensrealität vieler Menschen umkrempelt und sie zunehmend in ihrer Existenz bedroht.

Die Reaktion auf die unsicheren Zeiten ist dabei erstaunlich, es ist die selbe Reaktion, wie man sie schon von vor fast 80 Jahren kennt, als die Große Depression die Weltwirtschaft abwürgte. Man wählt vorzugsweise bürgerlich-konservativ, wohl wissend, dass auch heute in den Parteien Vertreter sitzen, die allerhöchstens die Bourgeoisie* bedienen und wo die bürokratische Sprache der Menschenverachter zum guten Ton gehört. Interessant ist es auch in dem Zusammenhang, dass schon vor der Krise es nicht gerade wenige waren, die sich in heutigen Zeiten wieder einen ‚starken Führer’ wünschen.

In Italien regiert dieser schon, auch in Frankreich, und sie regieren wie die Sonnenkönige. Sie sind aber keineswegs bloße Ausrutscher, eine Störung innerhalb eines sonst überaus demokratischen Systems. Sie sind die Antwort auf dieses Verlangen und so spielen auch die persönlichen Skandale in der Öffentlichkeit keine Rolle, einem starken Führer verzieht man vieles, solange dieser einem das Gefühl gibt es wirklich anzupacken. Die scharfe Rhetorik gegenüber Minderheiten (z.B. die Titulierung von Menschen als ‚Abschaum’) ist dabei auch kein Problem, schließlich betrifft es ja einen nicht selbst und gerade in schlechten Zeiten neigt man dazu nach Sündenböcken zu suchen, die für die eigene schlechte Situation verantwortlich gemacht werden können. Auch hierzulande begegnet uns diese Rhetorik fast täglich. Der Umgang mit Migranten war noch nie wirklich gut und so sind heute manche der hier lebenden Volksgruppen der Inbegriff fürs Versagen und Integrationsunwilligkeit, man vergisst aber, dass diese Menschen schon längst ihren Weg in dieser Gesellschaft gefunden haben und diese eigentlich positiv beeinflussen. Sie sind aber nicht germanisiert und das ist wohl das Problem.

Der ethnische Faschismus ist aber dennoch nicht wirklich das eigentliche Problem, auch wenn die Gewalt gegen bestimmte Gruppen seit Jahren immanent ist und inzwischen in manchen Ländern ausufert. Unser heutiger Faschismus ist in erster Linie ein wirtschaftlicher Faschismus, der Menschen schlicht in arm und reich teilt. Armut wird als ein individueller Makel gesehen und die immer weiter fortschreitende Ökonomisierung des gesamten Lebens verstärkt diesen Trend. So ist die Teilhabe an einem normalen und würdigen Leben für Millionen Menschen keine Selbstverständlichkeit, sie verharren im Stillen und über ihr Schicksal redet auch niemand. Niemand zieht auch Spekulanten zur Verantwortung, die mit dem Essen anderer Leute an den Börsen spielen, wohl wissend, dass wenn sie hier die Preise hochtreiben, sie woanders eine Hungerskatastrophe auslösen.

Auch in den eigentlich reichen Ländern scheint das Geld überall knapp zu sein, was aber in Wirklichkeit nichts anderes bedeutet, dass man gezielt staatliche Systeme durch Unterfinanzierung zerstört, um diese durch private Strukturen zu ersetzen, die natürlich nur noch gegen ein bestimmtes Entgelt in Anspruch genommen werden können. So teilen sich die Industriegesellschaften in jene, denen alles offen steht und jene, die sich die Clubbeiträge leider nicht leisten können und für die Gesundheit, gutes Essen und Bildung zunehmend zum Luxus wird. Hartz4 wurde hierzulande gar zu einer unsichtbaren Davidstern-Armbinde, die die Betroffenen in eine fast schon rechtlose Lage bringt und gleichzeitig ein Minimum darstellt, was zum Leben zu wenig ist und selbst fürs Sterben nicht mehr reicht – für Beerdigung müssen schließlich inzwischen auch die Angehörigen aufkommen.

Im blinden Glauben an eine ominöse unsichtbare Hand der Märkte haben wir unsere Moral verspielt, denn Märkte kennen keine Moral, wenn ihnen von außen keine auferlegt wird. Erlaubt ist dann ja alles, was Profit schafft und dabei spielt es keine Rolle, ob das auch redlich geschieht, denn Geld ist in einer solchen Welt mehr als nur ein Zahlungsmittel. Das eigene gefüllte Bankkonto ist dabei so etwas wie eine Mitgliedskarte und die Statussymbole, die wir um uns herum scharen, ein Substitut für Werte. Echte Werte sind nämlich gar nicht käuflich erwerbbar, man kann sie höchstens nur erlernen. Das macht die heutige Zeit auch so gefährlich, denn wo keine ethischen Werte mehr wichtig sind, dort werden auch Menschen wie Gegenstände betrachtet, die man beliebig benutzen und ausnutzen kann. Der Schoß ist fruchtbar und seine Sporen schwängern die Luft, die wir atmen. So liegt es an jedem von uns die Ökonomisierung unseres Lebens kritisch zu hinterfragen und sich gegebenenfalls dem zu verweigern. Viel wichtiger ist aber, dass wir die Amoral des Systems erkennen und mit ethischen Werten dagegen steuern, allein schon, um zu verhindern, dass der Faschismus neue Gedenktage dazu bekommt.

* Bevor einer meckert: ich wähle bewusst den Begriff Bourgeoisie. Ich bin einfach der Meinung, dass solange wir die gleichen Besitzverhältnisse und die gleichen Mechanismen in der Gesellschaft haben, wie zu Zeiten von Karl Marx, ist dieser Begriff hochmodern. Veraltet wird er erst dann sein, wenn das System aus Besitz, Besitz durch Ausbeutung fremder Arbeitskraft und die daraus resultierenden Armut nur noch etwas für Geschichtsbücher ist. Solange das aber nicht der Fall ist, haben wir eine Klassengesellschaft und das muss man in aller Deutlichkeit auch so sagen.

Eine Antwort

Abonniere die Kommentare per RSS.

  1. Frank F. said, on 7. September 2009 at 17:22

    Guter Text. Ich teile Deine Meinung zu 110 Prozent!

    Es ist erstaunlich … nein, es ist gerade zu erschreckend, dass es den ultrareaktionären Kreisen ermöglich ist, das Rad der Geschichte in die Zeit, bevor die große Katastrophe ihren Lauf nahm, zurückzudrehen.

    Das ist um so unfaßbarer, als dass wir mit dem Blick und der Erfahrung aus der Geschichte eigentlich sehr konkret vorgewarnt sein müssten.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.