Culocracia

Von Bildung und Verbildung

Posted in Propagandismus, Schnöder Mammon by Manul on 9. September 2009

Es nimmt die nächste Studie ihren Lauf, die den katastrophalen Zustand der deutschen Bildungseinrichtungen dokumentiert und, wie immer, beeilen sich die dafür zuständigen Politiker im Relativieren („Wir haben doch auch Bereiche, die besser als bei den anderen funktionieren“). Das ist ähnlich, wie wenn eine Fluggesellschaft, der schlechte Sicherheit bescheinigt wird, darauf hinweist, dass man andererseits auch sehr bequeme Sitze an Bord hat. Eigentlich muss man deshalb angesichts der Zahlen, die nun schon seit Jahren bekannt sind, von einem Versagen der zuständigen Politik sprechen, die davor die Augen verschließt und letztlich immer mehr junge Menschen vernünftiger Zukunftsperspektiven beraubt.

Doch ist das wirklich nur Versagen? Ich bin der Ansicht, dass es weniger mit Versagen, als mit Absicht zu tun hat – und diesen Eindruck kann man tatsächlich kriegen, wenn man die Umstrukturierungen in der Schullandschaft seit den 1990er Jahren genauer betrachtet. Schon damals war das Schulwesen in seiner Struktur geschädigt, nicht zeitgemäß und das Niveau war niedrig. Wer das Glück, wie ich, hatte aus einem anderem Bildungssystem mit einem besserem Niveau ins deutsche zu kommen, hatte mindestens 1-2 Schuljahre Vorsprung in manchen Fächern gehabt – und heute dürfte der Abstand zu den Bildungsspitzenreitern noch erheblicher sein.

Auch die Diskussion um das dreigliedrige System ist eigentlich längst Schnee von gestern und hört eigentlich ins Reich der Nachrichten von gestern. Schließlich sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass in einer Gesellschaft ohne Klassen auch eine Schule ohne Klassen existiert, die jedem alle Chancen offen hält. Etwas anderes können nur Menschen wollen, die aus einer günstigen Position heraus ihr Leben gestalten können und dafür sorgen wollen, dass nur ihresgleichen zu diesem Genuss kommen. Das ist auch der Kern des dreigliedrigen Systems, was sein Abbild in der Gesellschaftsstruktur des 19. Jahrhunderts findet, wo es noch Arbeiter, Bürgertum und Adel gab. So hat auch noch heute das Gymnasium den Nimbus das Beste vom Besten zu sein, bleibt es, bis auf ein paar Sonderschulformen, die zaghaft immer mal wieder gebildet wurden, die einzige Schule, die auch wirklich jede Zukunftsoption bietet.

In einer solchen Schullandschaft ist es also keine große Kunst mehr das staatliche Bildungssystem so schlecht zu machen, dass irgendwann die Rufe nach Alternativen jedwelcher Art so laut werden, dass man sie nicht mehr überhören kann. In den letzten Jahren sind auch viele vermeintliche „Weiße Ritter“ am Horizont aufgetaucht, sie eröffneten private Schulen, denen es an nichts mangeln sollte, woran es den staatlichen mangelt, die aber selbstverständlich ein üppiges Schulgeld von den Eltern abverlangten. In diese Nische sind auch viele private Berufsschulen vorgestoßen, die letztlich nur davon leben, weil wir in Deutschland seit Jahren keinen vernünftig funktionierenden Ausbildungsmarkt mehr haben.

Man kann also plump sagen, dass die Bildung in Deutschland seit Jahren ausverkauft wird und für diejenigen, die eine gesellschaftliche Exklusion voran treiben oder unterstützen, ist es die Idealsituation. Die hohen Abbrecherzahlen sind dabei kein Problem, diejenigen, die das betrifft haben danach meist eh nicht die Bildung, um die Mechanismen der Gesellschaft zu verstehen. Sie arrangieren sich mit ihrem Schicksal und versuchen auf ihre Weise das Beste daraus zu machen, die einen mehr, die meisten aber weniger erfolgreich, aber sie wehren sich nicht und sie wehren sich auch dagegen, dass ihre Kinder schon als Verlierer gebrandmarkt sind, bevor sie überhaupt geboren sind.

Der Gipfel der Entsolidarisierung der Bildung wurde 2006 im Schatten der Fußballweltmeisterschaft mit der Aufkündigung des kooperativen Föderalismus in der Bildungspolitik vollzogen. Seitdem kann man eigentlich die Bildung in Deutschland nicht mehr als Bildung bezeichnen, sondern mehr als ein Hauen und Stechen, wo die Schwächsten sofort hinten herausfallen und die Stärkeren sich um die letzten Brotkrummen prügeln. Dieses System, was dabei entstand, kann man eigentlich nur noch als unmenschlich bezeichnen, diese scharfe Wettbewerbssituation widerspricht einfach allen pädagogischen Grundsätzen. Aber auch das hat Methode – diejenigen, die von früh an darauf gedrillt werden Informationen auswendig zu lernen und nicht mehr zu reflektieren, werden auch nie lernen wie man Informationen verarbeitet, eine Vorstufe dazu Dinge auch kritisch zu hinterfragen. Eltern, die diesen Drill fördern, machen, so pervers es klingt, ihre Kinder zu kleinen Marionetten, die sich später alles gefallen lassen, weil so sein muss.

Es ist eine Zwickmühle, aus der nur eine echte und ehrlich gemeinte Reform mit einer starken Finanzspritze für den gesamten Bildungssektor heraus führt. An dieser Stelle sollte man sich das tatsächliche Interesse der Politik (oder besser gesagt ihrer Auftragsgeber) anschauen – sofern man dazu noch fähig ist. Ihre Auftragsgeber wollen mit Bildung Profit machen und nebenbei noch das Wirtschaftlichkeitsdenken in der Gesellschaft noch weiter ausbauen. Nur gerade das Wirtschaftlichkeitsdenken erfordert Menschen, die viele Sachen nicht kritisch hinterfragen, die sich nicht dafür interessieren was sie im Supermarkt kaufen und später essen, die nicht nach Konstrukten von riskanten Finanzprodukten fragen, sondern sie stattdessen für eine gute Altersvorsorge halten und die auch nicht fragen warum das Bruttoinlandsprodukt immer weiter wächst, obwohl sie immer ärmer werden. Was erreicht werden soll, dafür gibt es eigentlich nur ein Wort: Indoktrination und ihr Einsatz ist besonders beliebt in allen autoritär-diktatorischen Systemen.

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